Der antikapitalistische Irrglaube, der Bärbel Bas, Grüne, Kirchen und den ÖRR vereint

Es ist ein uralter Glaube, der sich bis heute gehalten hat: Wenn die Menschen arm sind und soziale Ungerechtigkeit mit Händen zu greifen ist, hilft nur eins: die Umverteilung von oben nach unten, von reich zu arm. Dann sind gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, oder etwa nicht?

Vom Urchristentum bis zur Linkspartei, vom Papst über den Paritätischen Wohlfahrtsverband bis zum kambodschanischen Massenmörder Pol Pot – die sozialistische Utopie von der Gleichheit aller Menschen hält sich hartnäckig, trotz all der katastrophal gescheiterten Versuche, das Paradies auf Erden zu errichten. Heraus kamen stets totalitäre Herrschaft, Elend und Völkermord, ob in der Sowjetunion, Nordkorea oder China. Das jüngste Drama spielt sich in Venezuela ab, und Kuba lässt grüßen, auf dem allerletzten Loch pfeifend.

Den geistigen Hintergrund dieser Vorstellungswelt hat der Dichter Bertolt Brecht einst in vier übersichtliche Zeilen gefasst, die einer geradezu stählernen, unerschütterlichen Logik folgen: „Reicher Mann und armer Mann/ standen da und sahn sich an./ Und der Arme sagte bleich:/ Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Verstanden? Einfacher geht’s nicht. Ein klassisches Nullsummenspiel, das der Schaukel auf dem Kinderspielplatz ähnelt. Wenn Sven-Oliver nach oben wippt, nähert sich der kleine Joshua-Max dem Boden. Und umgekehrt. Der Reiche ist nur reich, weil der Arme arm ist – vice versa. Der Gewinn des einen ist der Verlust des anderen.

Diesem statischen Denken zufolge gibt es ein begrenztes, wie auch immer festgelegtes Quantum an Vermögen, Wohlstand oder Wirtschaftsleistung, um das gekämpft wird wie um einen Kuchen beim Kindergeburtstag. Die Antagonisten im Klassenkampf stehen sich dabei unversöhnlich gegenüber, gleichsam mit Messer und Gabel. So scheint es undenkbar, dass es Umstände geben könnte, unter denen beide Seiten gewinnen könnten, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Dabei ist genau das die historische Erfahrung des deutschen Wirtschaftswunders nach 1945, die inzwischen viele andere Länder gemacht haben, darunter Polen, Vietnam, Singapur und weitere asiatische „Tigerstaaten“. Das Geheimnis heißt „Marktwirtschaft“, genauer: Kapitalismus. Auch ein toxischer Begriff, obwohl sein Siegeszug durch die Welt praktisch kein Land übriggelassen hat, selbst wenn, wie in China, die „sozialistische“ Staatsmacht allgegenwärtig ist im Prozess der weltweiten Expansion des Turbokapitalismus.

Der Autor und Historiker Rainer Zitelmann hat über die schier unausrottbare Geistesverwirrung unserer Tage ein ganzes Buch geschrieben: „Zero Sum Mindset – Die Nullsummenfalle. Warum alle mehr gewinnen, wenn wir anders denken.

Darin dekliniert er das Phänomen anhand der verschiedenen gesellschaftlichen Felder durch – von der Handelspolitik und Donald Trumps irrer Zoll-Obsession über die staatliche „Entwicklungshilfe“ der ehemaligen Kolonialstaaten bis zum Phänomen des „kompensatorischen Nullsummenglaubens“, der davon überzeugt ist, dass schöne Menschen nicht auch noch klug und sympathisch sein können, sympathische Menschen dagegen allenfalls klug, aber nicht wohlhabend und erfolgreich. Hier ist das meist unbewusste Motiv ein spezifischer Neidkomplex, der eben aus dem Nullsummendenken rührt: Alles muss einen „Haken“ haben, wo Licht ist, ist auch Schatten, und zwar in gleichem Umfang. Die Schadenfreude, das kleine Brüderchen des Neids, lauert um die Ecke.

Zitelmann hat Dutzende Bücher geschrieben, deren übergreifendes Motto in der Formulierung steckt: „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ – Titel eines Bandes aus dem Jahr 2018. Auf Partys in Berlin Mitte, Kreuzberg und Neukölln sollte man diese These lieber nicht zum Besten geben. Es könnte dem allgemeinen Wohlbefinden schaden. Doch Zitelmann lässt nicht locker und veröffentlicht ein Buch nach dem anderen, zuletzt „Weltraumkapitalismus“, mit einem kühnen Ausblick auf die künftige Besiedlung des Mars.

So verdienstvoll all diese Versuche sind, freiheitliches Denken, politischen Optimismus und wirtschaftliche Vernunft miteinander zu verbinden, so wenig fruchtet diese unermüdliche Aufklärung gerade bei der Klientel, die sich angesprochen fühlen müsste – bei Linken, Grünen und Sozialdemokraten, aber auch bei den neuen Volksgenossen der AfD, die den „Globalismus“ gar nicht mögen.

Das „Nullsummen-Denken“ hat keinen Begriff von Komplexität

Warum das so ist? Womöglich liegt der Grund darin, dass die Unordnung der Welt voll neuer Möglichkeiten und Bedrohungen, Krisen und Kriegen die Flucht in einfache Erklärungsmuster fördert. Das „Nullsummen-Denken“ hat folgerichtig keinen Begriff von der Komplexität, den Wechselwirkungen und der Dynamik moderner Gesellschaften und ihrer ökonomischen Entwicklung, und es bietet keinen Vorstellungsraum für Ideen, Erfindungen und Investitionen, die bislang ungeahnte Produktivkräfte freisetzen, auf denen das globale Wirtschaftswachstum für eine wachsende Weltbevölkerung fußt.

Allein der Hinweis auf die Internet-Revolution, iPhone, Google, Apple, SpaceX und Amazon, so problematisch einige ihrer Nebenwirkungen sein mögen, sollte genügen, um zu verstehen, wie neue Technologien ökonomische Grenzen sprengen und den „Kuchen“ um eine ganze Konditorei vergrößern können. Mit der KI-Revolution wird sich das Torten-Angebot noch vervielfachen. Auch dabei gilt: Der Ausgang ist offen, Risiken gibt es immer. Aber das unterscheidet die unübersichtliche Wirklichkeit von geschlossenen Denksystemen, in denen stets einer der Gewinner und einer der Verlierer ist – wie beim Boxkampf, im Fußball und auf dem Tennisplatz.

Konsequenterweise ist in dieser populären Milchmädchenrechnung auch der „Profit“ verpönt und nur als Resultat übler Ausbeutung denkbar. Dass sogar Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen einen Profit, also einen finanziellen Überschuss, erzielen müssen, um auf Dauer zu existieren, ist dieser ideologischen Vorstellungswelt fremd.

Was als bloßes naives Denken erscheint, entspringt freilich einem tief sitzenden antikapitalistischen Ressentiment, das in der evangelischen Kirche ebenso gepredigt wird wie in der kommunistischen Bewegung und auch bei jeder beliebigen ZDF-Umfrage in einer deutschen Fußgängerzone spontan abfragbar ist: Die Reichen sollen zahlen, Vermögens- und Erbschaftsteuer rauf, dann geht es den „sozial Schwachen“ gleich viel besser.

In der schwarz-roten Bundesregierung ist dieses Denken vor allem bei den Sozialdemokraten noch immer vorherrschend und sorgt für eine systematische Blockade jeder durchgreifenden Reformpolitik. Insofern wäre Zitelmanns Buch über das Nullsummenspiel eine äußerst informative Bettlektüre für die Arbeits- und Sozialministerin, die SPD-Vorsitzende Bärbel Bas. Leider ist zu befürchten, dass sie schon beim Blick ins Vorwort ihre Lieblingsvokabeln „menschenverachtend“ und „empathielos“ murmeln und anschließend in einen komatösen Schlaf fallen würde.

Aber wie sagte der spanische Maler Francisco de Goya: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“.

Quelle: WELT
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