Sie waren doch der Angstpatient, sagte die Freundliche Krankenschwester, die mich als halbe Leiche erlebt hat (FKSdmahLeh), nachdem ich ein sonniges „Guten Morgen“ in den Raum gerufen hatte, das die Reagenzgläser wackeln ließ, als wären sie der Bundeshaushalt des sensiblen Lars. „Haben Sie eigentlich inzwischen Ihre Phobie vor uns verloren?“ „Aber sicher“, wollte ich der FKSdmahLeh mit teutonischer Heldenbrust entgegenschmettern, aber dann ist mir eingefallen, dass ich ja nur im Krankenhaus war und Journalisten dort nicht für das Lügen bezahlt werden. Also beschränkte ich mich auf die Wahrheit: Dass ich Arzttermine immer noch hasse wie ein Abendessen mit Katharina Dröge und Bärbel Bas, ein Diversitytraining und fast so wie meine eigene Beerdigung. Um ehrlich zu sein, überlege ich vor jedem medizinischen Pflichttermin, mich ins Auto zu setzen und stattdessen nach Italien zu fahren, um dort an einem Ort zu sterben, an dem ich gern bin. Und nicht irgendwo zu leben, wo man sich mit meinen Blutwerten beschäftigt. Wen geht das überhaupt etwas an?
Aber diesmal war alles anders, denn gleich nach dem Arzttermin würde ich mich ins Auto setzen und in den Sommer nach Italien fahren. Außerdem, wenn ich meine sensationell schlechte Laune an der FKSdmahLeh oder der famosen Ärztin rauslasse, die mich gerade noch so von der Schippe des Todes kratzen konnte, habe ich nichts davon und die Damen auch nicht. Also tue ich so, als könnte mich hier kein Wässerchen trüben, und hebe mir das eingesparte Vitriol für Berliner Transferleistungsempfänger auf, die sich hinter den Reichstagsmauern feige verkriechen. Ich bin ein mittelalter weißer Mann, und als solcher hasse ich nun mal Krankheiten und alles, was damit zu tun hat. Nicht umsonst gibt es eine FKSdmahLeh, weil ich dem Spruch meiner Großmutter geglaubt habe, dass es von selbst gekommen ist und von selbst gehen wird. Aber mit der Aussicht, den neuen Testwagen gleich mit 240 Sachen offen und mit Roberta Invernizzi nach Garmisch zu fliegen, sieht die Welt bekanntlich gleich ganz anders aus. Es ist Mille Miglia. Und ich werde gleich alles Siechtum weit hinter mir lassen.
Selbstverständlich habe ich die FKSdmahLeh an meinem irdischen Glück teilnehmen lassen und ihr mit Bildern erklärt, was das ist: Ein Rennen, das bis 1957 über 1000 Meilen von Brescia bis Rom auf öffentlichen Straßen ausgetragen wurde, bis es ein gewisser Alfonso de Portago am Steuer eines brandneuen Ferrari etwas übertrieb und neun Zuschauer mit in den Tod riss. Seitdem ist das nur noch eine halbzivilisierte Oldtimerausfahrt. So wie früher, als die Presse ebenfalls mit Tempo 120 durch Ortschaften und über voll mit Zuschauern besetzte Kreisel gerast ist, ist es leider auch nicht mehr. Jedenfalls lockt die Neuauflage mit der guten, alten Zeit, als dem Fortschritt von keinem Brüssel und keinem Grünen Fesseln angelegt wurden und man ganz im Sinne des Futurismus dem Gott der Geschwindigkeit opferte. Ich werde rasen wie ein Schwein, ich werde am Weg fressen wie ein Schwein, ich werde in der Sonne stinken wie ein Schwein und …
… dann ist mir eingefallen, dass mein Enthusiasmus auf der falschen Opernbühne aufgeführt wurde. Denn die FKSdmahLeh könnte ja auch auf die Idee kommen, dass sich der ganze Ärger mit den halben Leichen nicht wirklich lohnt, wenn der Entkadaverte zweieinhalb Jahre nach dem Organversagen bei 34 Grad 40 Zentimeter von der Radnabe schneller Fahrzeuge entfernt mit der Kamera im Straßengraben kauert. Und das alles mit den Empfehlungen des Hippokrates so viel zu tun hat wie Habeck mit Wirtschaft. Denn, seien wir ehrlich, mit 98 stirbt es sich im Bett weitaus weniger dramatisch als beispielsweise die Ausdruckstänzerin Isadora Duncan, die von ihrem eigenen Schal erwürgt wurde, als sich der im Antrieb eines Amilcars verfing.
Andererseits, ohne dieses spektakuläre Ende wäre sie heute vielleicht vergessen. Aber das ist gar nichts gegen die 83 Toten am Straßenrand von Le Mans 1955, als der englische Rennfahrer Mike Hawthorn mit dem Nachfolger so eines Jaguar C-Type den Unfall eines nachfolgenden Mercedes verursachte. Vier Jahre später starb Hawthorne dann selbst am Steuer eines Jaguars bei einem illegalen Straßenrennen.
Jetzt könnte man sagen, dass solche Mordmaschinen ihren Platz im Museum der menschlichen Abgründe finden und von Schulklassen mit Steinen beworfen werden, wie der Teufel bei der Wallfahrt nach Mekka. Es ist anders: Gerade wegen der Verbindung mit Sieg und Niederlage zahlt man heute Rekordpreise für bessere, übermotorisierte Eselskarren, bei denen sich bis Mitte der 50er-Jahre kaum etwas an den Sicherheitsanbauten geändert hatte. Hätten wir nicht gerade eine SPD-Regierung mit CDU-Anhang, könnte einem das Wort verantwortungslos in den Sinn kommen. So geht das immer weiter, etwa mit dem Alfa Romeo 8C 2900A:
Rennteamleiter Ferrari verwendete hier das Wappen, das eigentlich einem Piloten gehörte, der 1918 abgeschossen und getötet wurde. Angesichts der vielen toten Rennfahrer an den Steuern seiner Autos muss man schon fragen, ob hier nicht auch etwas der Todestrieb auf dem Beifahrersitz Platz nehmen darf. Genauso fragwürdig ist die Fama der Firma Bugatti:
Jean Bugatti, der einige der wichtigsten Entwürfe geliefert hatte, kam selbst bei einer Testfahrt seines Autos mit bekannt schlechten Bremsen ums Leben. Der Handel mit solchen Kisten ist ein bisserl so, als könnte man Mäusen Mäusefallen zu Höchstpreisen verkaufen. Aber es war halt eine hemmungslose Epoche.
Und so geht es immer weiter: Die Erfolge des Mercedes 300 SL? Ergebnis der Erfahrungen mit der damals revolutionären Benzineinspritzung aus dem Motor der Messerschmitt Me 109. Es war halt eine hemmungslose Epoche.
Porsche 356? Die vierrädrige Verlegenheitslösung nach dem verlorenen Krieg von Hitlers Lieblingspanzerbauer. Es war halt eine hemmungslose Epoche.
Porsche 550? Ein magersüchtiges Gokart, das heute nur so bizarr teuer gehandelt wird, weil sich James Dean am Steuer dieser Sardinenbüchse zu Tode raste. Es war halt eine hemmungslose … Sie wissen schon. Jüngere, die angesichts der kaputtstalinisierten Reste des früheren Wirtschaftswunders froh sein können, wenn sie in München 12 m² für 800 Euro mieten dürfen, haben keinen Sinn für die Grandezza vergangener Tage und nennen uns Boomer. Alte weiße Männer, die anderen alten weißen Männern in alten Autos auf dem Weg nach Rom zuschauen, dürften neben dem Horten von Glühbirnen das boomerigste Verhalten der Erde sein. Aber daran habe ich vier Tage überhaupt nicht gedacht, und etwas zur Besinnung bin ich erst wieder gekommen, als ich in einem Supermarkt 500 richtige boomerige Strohhalme gekauft habe. Italien wäre nämlich nicht Italien, würde man dort nicht mit Plastik aus Maisstärke einen Weg finden, den Brüsseler Zwang zum elenden, faschistischen Papierstrohhalm zu umgehen, dem Mussolini unter den Umweltvorschriften.
Für mich war nämlich der Zwangsaufenthalt bei der FKSdmahLeh auf der Intensivstation eine harte Lektion. Natürlich soll man trinken, aber bitte ganz langsam und sich so wenig wie möglich rühren. Idealerweise macht man das mit einem Strohhalm. Früher war das kein Problem, heute dagegen gibt es nur noch Papierröhrchen, die nach Hinterbänklern der Linkspartei schmecken und sich nach fünf Minuten im Mund so eklig wie der Tofu einer veganen Ministeriumskantine anfühlen. Es gibt daher auch als Alternative Schnabeltassen aus Plastik, die nach dem Siechtum einer SPD-Umfrage aussehen, aber keine Strohhalme mehr, die einen halben Tag alten Menschen helfen, kontinuierlich Flüssigkeiten aufzunehmen. Das Schöne am Boomerdasein sind neben dem Bruch der Brüsseler Regeln alte Rennautos, so bunt wie Strohhalme aus der Zeit vor Brüssel.
Das Hässliche daran ist aber das Altern in einer Epoche, bei der 1 Brüssel schon reichen würde, um einem das Leben zu erschweren. Mir wäre es beinahe gelungen, die Tradition meiner Großväter und Urgroßväter fortzuschreiben, die alle relativ schnell und kurzfristig in einem Alter gegangen sind, von dem man sagt, das sei doch kein Alter. Weil ich überlebt habe, gehöre ich jetzt zu einer Generation, die zwischen zwei Epochen die Vergreisung mitmacht: mit einer Vorgängergeneration, die komplizierte Krebsarten und die rettungslose Volksseuche Alzheimer bekam, die wir dann, wenn wir aus einer guten Familie stammen, noch selbst in aller Tragik miterlebt haben.
Und mit einer Nachfolgegeneration, bei der das Abschieben ins Heim der Standardumgang mit alten Menschen ist. Die ganzen herzlosen Bestien anderer Medien, die nach Staatsgeld schreien, weil sie der Provinz davongelaufen sind und im Reichshauptslum keine Oma haben, die ihnen alles abnimmt – die werden ihre Mütter einsam verschimmeln lassen. Ich bin noch richtig erzogen worden. Bei uns geht keiner allein. Aber schon in meiner Jahrgangsstufe gab es Ultrakatholische, bei denen man getuschelt hat, dass es mit der Nächstenliebe nicht weit her ist.
Auf dem Heimweg kam ich durch die Provinz Modena, aus der ich während des Erdbebens 2012 berichtet habe. Es gab viel Bewegendes und Hässliches, aber was mir zuerst einfällt, sind die Lager in dieser Provinz, die für all jene eingerichtet wurden, die nicht ausweichen konnten. Da waren die Scharen von Clandestini aus Pakistan und Afghanistan, die von den Limousinen ihrer Botschaften besucht wurden. Und viele alte Italiener, deren Häuser unbewohnbar waren, die nicht fliehen konnten und niemanden hatten, der sich um sie kümmerte. Menschen, deren Lebensträume im Schutt versunken waren und die nun vom Lager abhängig waren, in der Hitze des Sommers mit dem Nötigsten, was sie aus den Häusern in Mirandola und Concordia sulla Secchia retten konnten. Ist da niemand, habe ich im Lager gefragt. Es ist doch Italien. Da muss doch Familie sein. Aber auch Italien hat sich verändert, und da wusste ich: Ich sehe hier nicht nur ein Lager. Ich sehe auch die Zukunft der neuen Gesellschaft, für die Alter ein Makel ist.
Kurz, ich denke, wenn es später mal einen aufmerksamen Mitmenschen gibt, der von der Mille Miglia ein paar richtige Strohhalme für die Alten und Gebrechlichen mitbringt, wäre das schon viel. Es ist mit den einsamen Alten wie mit einer schweren Krankheit: Wir wissen alle, dass uns das einmal droht, den einen, weil sie keine Kinder bekommen haben, und den anderen, weil sie Kinder bekommen haben, die nicht mehr die Kraft aufbringen, ihre Alten zu pflegen. Man kann es rational verstehen, weil es sich heute lang hinzieht und der Tod früher sehr viel schneller bei kleineren Wehwehchen kam. Die Phase nach dem NichtmehrinUrlaubfahrenkönnen hat sich auch wegen des medizinischen Fortschritts drastisch verlängert, und ich will mich als nicht mehr ganz halbe Leiche darüber nicht beschweren. Aber meine Zeit auf der Intensivstation war auch nicht so, dass ich da gern Jahre gewesen wäre. Ich bin extrem nett zur FKSdmahLeh, aber allen Beteiligten ist klar: Das Bild vom lustvollen Altern, das Anlageprospekte für meine Generation der Erben vermitteln, hat wenig mit der Realität gemein. Erben haben das in aller Regel miterlebt. Und sie wissen, dass es ihnen nicht besser ergehen wird. Steigende Beiträge für die Pflegeversicherung sind da noch die kleinste Sorge.
Niemand bringt sich wegen der hässlichen Aussichten gleich um, und selbst als höflichste Menschen der ganzen Welt wie Sie und ich kennt jeder einige Politiker, die er unbedingt überleben möchte. Aber was man vielleicht ganz gern hätte, wäre ein leichtes Gefühl der Sicherheit, nicht einsam und dement an Schläuchen sterben zu müssen. Und da kommt der Tod auf dem Beifahrersitz der Boliden gerade recht, wenn man sehen will, dass es auch anders geht. Laut. Schnell. Inmitten einer schönen Landschaft im besten Land der Welt, vielleicht noch mit einer Portion Trüffelravioli im Bauch, die man am Wegesrand wie ein Schwein gefressen hat.
Bei schönem Wetter im Sonnenschein, sodass man bedauert wird. Aber sich auch denken mag: Besser so als anders. Von dieser erkauften Unwägbarkeit leben auch Rennradhersteller, Motorradbauer und alle anderen glänzend, die Dinge herstellen, mit denen sich Leute umbringen, bei denen man fragt: Musste der den Blödsinn in diesem Alter denn noch machen? Es geht nicht darum, tot auf der Strecke zu bleiben. Es geht darum, dem tristen Schicksal mit seinen zerstörten Bindungen des XXI. Jahrhunderts eventuell einen makabren Streich des schnellen, hemmungslosen, gefährlichen XX. Saeculums zu spielen.
Wie gesagt: nur eventuell. Natürlich können auch Sportunfälle heute übel mit langer Schwerstgebrechlichkeit ausgehen, selbst wenn so ein Siata Daina schneller ausbrennt, als man „aber ein Tesla hat die gleichen blöden, versenkten Türgriffe“ sagen kann. Selbstverständlich will ich heil heimkommen und Balsamico und Strohhalme mitbringen. Aber die ständige Unsicherheit, das Hemmungslose, die Akzeptanz der kleinen Gefahr am Wegesrand sind in Zeiten des verwalteten Todes allgemein beliebt. Es mag auch erklären, warum die Reaktionen auf den elektrischen Ferrari Luce so vernichtend waren: Man kauft bei Ferrari bislang den Alfonso de Portago mit, der nach einem Kuss in einen Randstein einschlägt und Tod und Verderben bringt. Der Luce dagegen ist rein optisch harmlos und das Auto, das einen transidenten CO₂-Zertifikatehändler sicher zum Diversity-Empfang von Ursula von der Leyen nach Brüssel bringt. Auch das mag eine Art Tod und Verderben sein, aber das will niemand, der bei Vollgas 25 Liter auf 100 Kilometer jedem Deutschlandticket vorzieht. Der Luce ist ein Auto, das sagt: Die hemmungslose Epoche, in der man über dem Heck eines Austin Healey abhebt und in die Zuschauer fliegt, ist vorbei.
Natürlich muss es auch Autos für transidente CO₂-Zertifikatehändler beim Diversity-Empfang von Ursula von der Leyen geben, keine Frage. Aber in einer Welt, in der steuerfinanzierte Politschranzen im Privatjet darüber befinden, dass alte Menschen im Sommer am Papierbrei statt Strohhalm im Mund zu schlucken haben, sollte es auch die Möglichkeit geben, sich zu verweigern. Und erzählen Sie mir bitte nichts vom Respekt vor dem Leben und vor der Schöpfung: Die politische Kaste hat sich längst innerlich von der schönen Legende verabschiedet, die Migranten von Frau Merkel würden eines Tages die Rente der Boomer zahlen und unsere Alten pflegen.
Man wird die Phase für die nächste Generation zwischen Arbeit und Tod verkürzen, indem man die Rente zu etwas macht, das sich niemand ohne eigenes Vermögen, Beamtenstelle oder Bundestagsmandat gern antut. Was meine Generation gerade noch als Ablenkung und Alternativen hat, mag aussehen wie sentimentale Realitätsflucht. Aber das soziale Gesamtsystem der Bundesrepublik schlägt gerade wie ein alter Rennwagen mit versagenden Bremsen in die Wand ein. Und in den letzten 10, 15 Jahren wurde vom politmedialen Komplex vieles unternommen, um klassischen Sicherungssystemen der Boomer-Familien den Rest zu geben. Verachtung des Eigentums. Abwertung der Hausarbeit. Hass auf klassische Familien und vielleicht bald das Ende des Ehegattensplittings.
So ist das eben, ich habe jetzt Spaß auf der Mille Miglia, und andere werden sehen, was sie an Spaß mit ihren Patchwork-Systemen, den Lebensabschnittspartnern und den eskalierenden Kosten für Niemalseinzahler haben. Für mich gibt es wenigstens noch so etwas wie eine Erinnerung an eine große Zeit der Freiheit und die Chance, Geld für Schweinereien auszugeben.
Die Autos der nächsten Generation werden GPS-überwacht und zwangsweise abgeriegelt sein, und eine Lehre aus dem Faschismus ist nun mal: Wer Autos abriegelt, riegelt am Ende auch Menschen ab. Wenigstens habe ich bis dahin genug Plastikstrohhalme für mein Zitronensorbet und die anderen Patienten der FKSdmahLeh.
Quelle: WELT
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