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MusikEuropa

Trüffelschweine der Musik: ICMA-Galakonzert

23. April 2023

Die International Classical Music Awards wurden in Breslau verliehen. Die DW übertrug das Konzert.

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Sängerin in Blau, Orchester im Hintergrund, Gala-Konzert der ICMA in Breslau
Für viele ist sie legitime Callas-Nachfolgerin: Sopranistin Ermonela JahoBild: Karol Adam Sokolowski/NFM

Auf dem großen Platz vor dem imposanten Bau des Nationalen Forums für Musik in Breslau (Polnisch: Wrocław) marschieren junge Männer und Frauen. Militärübungen. "Wir wollen im Ernstfall auf alles vorbereitet sein", sagt eine junge Frau in Uniform. "Besser so", sagt ein Orchestermusiker, der gerade zur Probe in die Philharmonie eilt. "Wir sind hier knapp 500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Und in nur wenigen Autostunden ist man an der Front. Aber heute gibt es erstmal ein schönes Konzert."

Es handelte sich um das  Preisträger-Konzert der internationalen Kritikervereinigung ICMA . Die DW übertrug die Veranstaltung aus der polnischen Metropole an der Oder live.

Nur das Außergewöhnliche ist gut genug

Das Konzert sorgte schon Stunden vor seinem Beginn für einen hartnäckigen Stau in der Breslauer Innenstadt. Der Preis wird in insgesamt 26 Kategorien verliehen – von Kammermusik bis Oper und von Neuentdeckungen bis zu historischen Aufnahmen. Die Neuerscheinungen des Jahres werden von zwanzig Juroren aus 15 europäischen Ländern ausgewertet.

Ein großer, voll besetzter Konzertsaal
Bis auf den letzten der 1800 Plätze voll: das National Forum of Music beim ICMA-Gala-Konzert am FreitagBild: Karol Adam Sokolowski/NFM

Den Gerüchten vom Aussterben der Tonträger und dem verlorenen Kampf gegen die Streaming-Dienste muss der Jury-Vorsitzende Remy Frank energisch wiedersprechen: Auf seinem Tisch landen monatlich bis zu 300 Neuerscheinungen. "Man hat sogar das Gefühl, es werden immer mehr. " Bis zu 10.000 Klassik-CDs erscheinen jährlich auf den europäischen Markt, 377 davon kamen diesmal bei der ICMA in die engere Wahl. Neben den Tonträgern werden auch Musikvideos berücksichtigt - so bekam 2022 die DW-Dokumentation "Eine Welt ohne Beethoven" den begehrten Preis.

Grundsatz der ICMA-Mitglieder ist dabei: Weder der Name noch die Prominenz des Künstlers oder seines Labels zählen, sondern einzig Qualität. "Wir suchen nicht nach guten Aufnahmen, sondern nach wirklich außergewöhnlichen Produktionen und Künstlern", berichtet Frank. So wurden etwa zwei absolute Neulinge der Branche, der deutsche Violinist Tassilo Probst und der US-Pianist Maxim Lando, beide gerade mal zwanzig Jahre alt, in der Kategorie "Kammermusik" ausgezeichnet. Und die albanische Operndiva Ermonela Jaho bekam den Preis "Künstlerin des Jahres".

"Musik ist immer politisch"

Mit dem Sonderpreis für seine Lebensleistung ("Live achievement award") wurde der Cellist David Geringas geehrt. "Es ist ein schönes, aber dennoch komisches Gefühl, einen solchen Preis zu bekommen", gesteht der Meisterschüler von Mstislav Rostropowitsch, der wiederum Generationen von exzellenten Cellistinnen und Cellisten aus aller Welt ausgebildet hat. "Als ich als kleiner litauischer Junge nach Moskau und später als junger Mensch nach Hamburg kam, hätte ich nie gedacht, eine solche Ehrung zu erhalten. Ich habe nur einfach für meinen Beruf gelebt - die Musik."

Für das Gala-Konzert hat Geringas sein Lieblingsstück ausgewählt: "Kol Nidrei" von Max Bruch. "Und zwar nicht nur, weil es eines der schönsten Werke der ganzen Cello-Literatur ist", so Geringas, "sondern auch deshalb, weil es einen tiefen Sinn hat. Es ist ein Gebet, eine Bitte um Vergebung. Ich bitte um Vergebung dafür, das ich womöglich noch nicht alles getan habe, wofür ich in diesem Leben bestimmt war."

Musik ist und bleibt für Geringas eine politische Angelegenheit: So war es in der Sowjetunion seiner Jugend, und so bleibt es auch heute. Musik transportiert Inhalte, vermittelt Werte - "sie ist und bleibt politisch".

Auch der Jury-Vorsitzende Remy Frank sieht die politische Dimension der Klänge. Wie Geringas kann er zwar das aktuelle Verbot russischer Musik in Polen innerlich nicht akzeptieren, aber "doch irgendwo verstehen". "Wir müssen aber auch sehen, dass viele Musiker, die wir für Russen gehalten haben, in der Tat Ukrainer waren". Einem der Preisträger wurde tatsächlich verwehrt, ein Tschaikowski-Stück zu spielen, dafür erklang ein Concerto des in der Ostukraine geborenen Nikolai Kapustin.

Die DW hat das Konzert live auf ihrem YouTube-Kanal "DW Classical" gestreamt, wo es auch weiterhin zu hören und zu sehen ist.